Es ist der Ekel, der mich treibt, diese Zeilen zu schreiben. Letzte Woche läutet es mitten in der Nacht bei meiner Nichte, einer Frau in den Mittdreißigern, Mutter zweier kleiner Kinder. Stehen da einige Polizisten vor der Tür und möchten ihre Wohnung durchsuchen. Es sei gemeldet worden, dass sie einen Ausländer versteckt halte.
Nun ist meine Nichte seit sechs Jahren mit einem Kolumbianer, einem dunkelhaarigen Menschen, verheiratet. Dass ein dunkelhaariger Mensch in diesem Haus aus und ein ging, hat wohl den Verdacht eines Nachbarn geweckt und ihn veranlasst, Anzeige zu erstatten. Sicherlich so ein braver, fleißiger Mitbürger, so ein „kleiner Mann“, auf den neuerdings nicht mehr nur die rechtsrechten Parteien sondern auch jene der Mitte hören.
Die Polizei hat sich, sieht man vom spätabendlichen Zeitpunkt ihrer Intervention ab, ordentlich verhalten, meiner Nichte und ihren Kindern ist nichts passiert, nicht einmal ihrem Mann trotz seiner dunklen Haare. Aber der brave, fleißige Mitbürger, wie erfrecht sich so ein Nichts, so ein Niemand, eine kreuzanständige Familie zu denunzieren! Wie es mich ekelt vor dem kleinen Mann, Inbegriff der Beschränktheit und Boshaftigkeit! Dass dieser mehr und mehr zur bestimmenden Kraft in unserer Gesellschaft wird, das finde ich erschütternd. Es scheint, wir docken an eine Zeit an, die ich als überwunden glaubte. Und die Politik gibt ihm Recht, dem kleinen Mann, richtet sich nach ihm aus, macht sich zu dessen Hure. Das ist schwer erträglich.
Solchermaßen düstere Gedanken bewegen mich gerade. In mir ist Unfrieden. Unfrieden tut mir nicht gut. Ja, ja, einmal den Zorn rauslassen, um ihn loszuwerden, nicht ihn festzuhalten, das mag gesund sein. Ungesund wäre es auf jeden Fall, mich in den Bann des kleinen Mannes ziehen zu lassen und mich im inneren Widerstreit mit ihm zu verlieren, meine Ruhe, meine Lebensfreude, meine Warmherzigkeit und mein Wohlwollen zu verlieren. Nein, das gestehe ich dem kleinen Mann nicht zu, mich auf sein Niveau herunter zu ziehen, mich dazu zu bringen, dass ich mich als genauso klein und beschränkt wie er erweise. Was also tun, um meiner Verantwortung für meinen inneren Frieden, für mein Wohlsein gerecht zu werden?
Ich frage mein Herz, wie ich es immer in solchen Situationen tue. Ich muss schmunzeln, schmunzeln über mich selbst, darüber dass ich mich so ereifert habe. Ja, ich gestehe es mir zu, mich zu ereifern. Das darf auch sein. Jetzt reicht’s aber wieder. Rosa kommt mir in den Sinn, eine temperamentvoll-lustige Dame. Sie saß neben mir bei einem Dinner. Mir wollte das Essen im Hals stecken bleiben ob der unangenehmen Ausdünstung, die sie verbreitete. Nach einem ersten Anfall von Ekel besann ich mich. Mitleid stieg in mir hoch und erleichterte es mir, mich ihr zuzuwenden. Es entwickelte sich dann auch eine beschwingte Unterhaltung zwischen uns. Ob die Seele dieses kleinen Mannes ähnlich stinkt wie der Körper meiner Tischnachbarin, frage ich mich. Was muss ihm wohl in seinem Leben passiert sein, dass er sich in derart krumme Gedanken versteigt, welche ihn zu der Anzeige veranlassten? Wie sollte ich den armen Menschen wegen seiner krummen Gedanken verurteilen, wegen seiner Ängste, Vorurteile, wegen seiner Missgunst und Verstocktheit? Wird etwas gut, heil, wenn ich ihn verurteilte? Die Politik kommt mir in den Sinn, die Politik im Einklang mit den krummen Gedanken des kleinen Mannes, im Einklang mit seinen Ängsten, Vorurteilen, mit seiner Missgunst und Verstocktheit, die Gefahr, dass eine solche Politik zu einem bösen Ende führt. Ich bin nicht einverstanden damit. Aber soll ich gegen sie anrennen? Erreiche ich irgendeine Art von Verbesserung dadurch? Erreiche ich irgendetwas Positives durch Gegnerschaft, außer dass ich mich als der Gute unter lauter Bösen fühlen darf? Oder soll ich doch gescheiter auf mein eigenes Wohlsein achten, auf meinen inneren Frieden, darauf dass ich durch mein Sein, Denken und Handeln einen förderlichen, stärkenden Beitrag für andere und das große Ganze leiste?
Ich bin wieder ruhig und in meiner Mitte, konzentriere mich auf meine Aufgaben, jene, die Frieden stiften, Glück bringen, die die Welt ein bisschen besser machen. Der kleine Mann und die Politik, sie sind, wie sie sind. Tut mir leid für sie. Tut mir leid auch wegen der Turbulenzen, die sie anderen verursachen. Aber ich kann und will mich durch sie nicht aufhalten lassen, das Bestmögliche in das Netzwerk des großen Ganzen einzuspeisen.
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